Kiosk und andere Nahversorger

'Kiosk' ist kein deutsches Wort. Insofern ist ein Kiosk erst recht keine nur im Ruhrgebiet vorkommende Verkaufsstelle. Ich möchte dennoch darauf eingehen, zumal sich mancher Kiosk in unmittelbarer Nähe eines Zechenausgangs befand und der eine oder andere eine gewisse historische Berühmtheit erlangt hat, letztlich auch durch seinen Inhaber oder seine Inhaberin. Außerdem war er im Stadtbild überall anzutreffen, wobei es diese Verkaufsstellen in reduzierter Anzahl natürlich immer noch gibt.

Die Einkaufsmöglichkeiten waren früher völlig anders als heute. Viele Menschen hatten kein Auto, so dass sich eine Einkaufsmöglichkeit in unmittelbarer Nähe befinden musste. Dies gilt im Besonderen für Getränke, die besonders schwer sind und damals auch nur in Glasflaschen angeboten wurden. Aufgrund des Ladenschlußgesetzes war ab 18 Uhr 30 kein Geschäft mehr geöffnet, das nicht ausschließlich Waren zum sofortigen Verbrauch anbot. Auch Tankstellen boten nur Benzin und Ersatzteile für das Auto an, zumal viele Tankstellen von Kfz-Meistern neben einer Werkstatt betrieben wurden. Es gab also Werkstätten mit Tankstelle, jedoch keine Tankstelle mit Shop.

Einzige Einkaufsmöglichkeit nach der Arbeit war also in vielen Fällen der Kiosk. Oft wurden diese Verkaufsstellen auch als 'Trinkhalle' bezeichnet, wobei sie mit einer Halle meist gar nichts zu tun hatten. Es handelt sich um einen kleinen vom Kunden nicht betretbaren Lagerraum, aus dem heraus über eine Theke die Ware verkauft wird. In vielen Ortsteilen traf man bereits nach wenigen hundert Metern auf den nächsten Kiosk, so dass ein Kind selbst auf einem kurzen Fußweg zur Grundschule meist Gelegenheit hatte, sich ein paar lose Bonbons, ein Eis oder ein Comicheft zu kaufen. Aber auch als Jugendlicher und Erwachsener hat mich mein Weg an fast jedem Abend zu einem Kiosk geführt.

Der unten abgebildete verwaiste Kiosk ist sicher weder ein schönes noch ein berühmtes Exemplar, dafür jedoch der Kiosk, an dem ich bis zu meinem zehnten Lebensjahr eingekauft habe. Gegen Mitte der 1960er Jahre entstand direkt neben dem Kiosk der erste Diskounter, der aber sowohl aufgrund des Prokuktangebotes, als auch aufgrund der eingeschränkten Ladenöffnungszeiten keine Konkurrenz für den Kiosk darstellen konnte.


Für die sogenannten Tante-Emma-Läden jedoch bildeten die Diskounter von Anfang an eine ernste Konkurrenz, jedenfalls dann, wenn sie sich in greifbarer Nähe befanden. Auch verfügten in den 1970er Jahren wesentlich mehr Familien über ein Auto, so dass auch weiter entfernt eingekauft werden konnte. Dennoch haben wir von meinem 10. bis 16. Lebensjahr in dem nachfolgend abgebildeten inzwischen verwaisten Tante-Emma-Laden eingekauft. Denn die Entfernung von der Haustür bis zum Laden betrug nur gut 50 Meter.


Es scheint auch hier bedauerlich: was nicht mehr da ist, kann man nicht mehr nutzen. Dennoch muss man die Frage stellen: würde man es nutzen - ausreichend für den Inhaber nutzen -, wenn es noch da wäre? Vermutlich nicht. Denn auf dem heutzutage recht weiten Weg vom Arbeitsplatz nach Hause kommt man an so vielen Diskountern vorbei, dass man sicher an einem anhalten würde. Folglich muss man sich auch jedesmal ins Auto setzen, wenn nur die Zigaretten oder die Butter plötzlich alle sind, denn eine zu Fuß erreichbare Einkaufsmöglichkeit gibt es nicht mehr.
weiter
zurück
Hauptseite
Betreiber der Seite:
Michael Twiste
Kontakt: info@zechen-im-ruhrgebiet.de